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3. Meisterkurs “Heinrich von Veldeke” mit Bagby und Lewon

Vom 17.-19. Februar 2012 fand der 3. und letzte Meisterkurs “Heinrich von Veldeke” mit Benjamin Bagby und Marc Lewon auf Alden Biesen bei Maastricht/Lüttich (Belgien) statt. Der von http://www.musica.be veranstaltete Kurs widmete sich dem Minnesänger und Ependichter Heinrich von Veldeke (oder auf flämisch Hendric van Veldeke), wobei insbesondere sein lyrisches Werk, also der Minnesang Veldekes, im Vordergrund stand.

Der 1. Meisterkurs im Dezember diente der Einführung und ersten Experimenten, um über Kontrafakturen und Floskeln, die aus anderen Modellen entnommen wurden, stiltypische Melodien zur Vertonung der Liedtexte Veldekes zu finden, bzw. zu er-finden. Im 2. Meisterkurs wurde diese Arbeit intensiviert, auf größere Liedgattungen Veldekes erweitert und um eine neue Hypothese erweitert (die Annahme, daß flämische Trouvères mit ihren charakterischen Melodien dem Werk Veldekes nahestehen könnten – so daß wir auch Floskelmaterial aus solchen Melodien zur Improvisation entnahmen). In diesem, dem 3. Meisterkurs brachten wir die improvisative Arbeit zu einem vorläufigen Abschluß, rundeten die Arbeit an Stücken, die noch “Work in Progress” waren, ab und stellten das Repertoire der neuen Veldeke-Vertonungen, die sich im Verlaufe der Kursarbeit angesammelt hatten, in einer Liste zusammen. Der Kurs brachte 31 verschiedene Vertonungen von Veldeke-Texten hervor – viele der Texte erfuhren unterschiedliche Behandlungen und liegen jetzt in mehreren Versionen vor.

Neben der intensiven interpretatorischen Arbeit an Stücken, die in den Sitzungen zuvor sowie in Heimarbeit erstellt wurden, wurde v.a. das Konzept der Kontrafaktur noch einmal neu beleuchtet. Mit Hilfe der bisherigen Erfahrungen, die über modale Improvisation die Sinne der Teilnehmer geschärft hatten, wurde auch die Bearbeitung und Anpassung von Kontrafakturvorlagen an die Texte Veldekes fachkundiger, so daß gute und sangbare Kontrafakturen entstanden, die dem Repertoire als fertige Versionen zugeführt werden konnten.

Am Abend des ersten Tages wurde nach einem erfüllten Nachmittag voller Einzel- und Ensemblestunden noch ein neues Oeuvre angeschnitten: Das Epos der “Eneide” Heinrichs von Veldeke. Benjamin Bagby, der dabei auf sein umfangreiches Wissen und seine praktische Erfahrung im Umgang mit epischer Rezitation und epischem Gesangsvortrag zurückgreifen konnte, führte zunächst in einer einstündigen Session Ausschnitte von sehr verschiedenen Epen vor, die er jeweils auf andere Art behandelte und dadurch eine Vortragsbandbreite präsentierte. Darunter befanden sich zunächst Ausschnitte aus dem Beowulf und dem althochdeutschen Hildebrandslied. Für diese stabreimenden, germanischen Epen verwendete Bagby die frühmittelalterliche Harfe (heute auch unter dem Terminus “Leier” bekannt) als Begleitinstrument, um “modale Felder” zu erzeugen, die wiederum sein musikalisches Floskelmaterial generierten, dessen er sich beim Vortrag bediente. Es folgte ein Ausschnitt aus der altfranzösischen “Chanson de Roland” für die Bagby sich von einer Studentin mit der Vielle rhythmisch begleiten ließ. Dieses Heldenepos, oder die “Chanson de geste”, kam somit äußerst klangvoll und wirkungsmächtig zur Geltung. Bagby beendete seine Präsentation mit Schlüsselszenen aus dem “Perceval” des Chrétien de Troyes und dem “Parzival” Wolframs von Eschenbach. Letzteren trug er mehr sprechend als singend vor, um auch diese Dimension des Vortrags vorzustellen.

Mit den genannten Beispielmodellen zur Hand wurden 7 Szenen, die im Vorfeld aus der “Eneide” Veldekes ausgewählt worden waren, unter den Teilnehmern vergeben, mit denen sie sich in den folgenden Tagen als Zusatzaufgabe beschäftigen sollten. Da die Passagen in diesem Fall nicht aus einer standardisieren Übertragung gewählt wurden, sondern aus einer Edition, die sich sehr eng an den Wortlaut und die Schreibung der frühesten “Eneas”-Handschrift (der Berliner Handschrift) hält, wurden noch die Eigenheiten dieser Handschrift besprochen und Details der Aussprache geklärt. Damit vollzogen wir nicht nur der Schritt in das epische Werk Veldekes, sondern auch der Schritt weg von standardisierten (und damit vorinterpretierenden) Editionen, hin zum Wortlaut einer existierenden Handschrift.

Am folgenden Tag wurde durchgehend in kleinen Gruppen praktisch an der Interpretation der Veldeke-Lieder – mit einem Schwerpunkt auf den Kontrafakturen – und der Eneas-Ausschnitte gearbeitet. Für den Abend dieses zweiten Tages war als Gastdozent Frank Willaert von der Universität Antwerpen eingeladen. In einem äußerst engagierten Vortrag, stellte er seine Thesen zum Charakter, Kontext und zur Intention von Veldekes lyrischem Werk vor, die für alle Teilnehmer neue Horizonte eröffneten.

Grundlage seiner Thesen war der politische und kulturelle Raum Lothringens im 12. Jahrhundert. Lothringen, das zu dieser Zeit zwar schon einen Teil seiner ursprünglichen Größe als Lothars Mittelreich eingebüßt hatte, bestand immerhin noch als ein zusammenhängendes Gebilde, das sich aus den heutigen Gebieten der Niederlande, Belgien, Luxemburgs, sowie Teilen Frankreichs und Deutschlands zusammensetzte. Die modernen Staatsgrenzen waren damals noch in keiner Form vorhanden oder absehbar. Die Sprachgrenze zwischen germanischen Dialekten im Osten und Norden und dem romanischen Sprachraum im Westen verlief quer durch dieses Reich, in dessen geographischem Mittelpunkt sich die äußerst bedeutende Stadt Aachen – der Krönungsort der römischen Kaiser seit Karl dem Großen – befand. Eine von Willaert ausgeteilte Karte verdeutlichte diese politisch-kulturelle Situation.

Ein Teil seiner These betrachtete sodann das musikalische und lyrische Schaffen in diesem lothringischen Reichsgebiet, um herauszufinden, was typisch für diese bedeutende Landschaft war. Seine Recherchen brachten ihn auf eine Gattung von Chansons, die offenbar weithin sehr beliebt war und sich zugleich vom Minnesang der Trobadors und Trouvères offensichtlich deutlich unterschied. Diese Lieder bestanden aus sehr kurzen, schlicht gehaltenen Strophen, häufig mit Refrainzeilen, die wohl auch im Rahmen höfischer Unterhaltungen improvisiert und oft als Kreistanz aufgeführt wurden. Außerdem wurden sie augenscheinlich nur sehr selten aufgeschrieben und gehörten zu einer genuin schriftlosen Praxis. Es ist ferner auffällig, daß die Lieder der Trouvères in Lothringen zwar bekannt waren und geschätzt wurden, allerdings sich dort kaum in Sammlungen niedergeschrieben finden, bzw. Lothringen – auch im frz. Teil – keine wirklich eigenen Trouvèreslieder hervorbrachte. In einem der wenigen Chansonniers aus Lothringen – dem Chansonnier St.-Germain-des-Prés, das auch musikalische Notation enthält -, wurden alle Minnelieder (oder “grand chants courtois”) auf einen Kern von 3 Strophen heruntergekürzt. Ganz offensichtlich schätzte man in Lothringen keine langen Lieder.

Vor dieser Hintergrundfolie erkären sich viele Details in Veldekes Oeuvre: Seine Lieder sind fast alle sehr kurz. Sehr viele davon sogar nur einstrophig. Es gibt praktisch keine Lieder mit über drei Strophen. Refrainzeilen – bei den Minnesängern recht außergewöhnlich – kommen bei Veldeke wenigstens gelegentlich vor. Der “leichte” Charakter von Veldekes Liedern erhält somit eine ganz andere Note: Wo Veldekes lyrisches Werk von der “ernsthaften Germanistik” bislang eher als noch unreife Vorstufe zum “richtigen Minnesang” nicht ganz ernst genommen wurde, muß man jetzt annehmen, daß es die lothringischen Eigenarten sind, die sich seinem Werk aufprägen: Man schätzte kurze Formen, zügige Pointen, ohrenfällige Melodien und offenbar einen leichten, humorvollen Stil. Somit erklären sich auch die vielen kleinen Wendungen und Spitzen in seinen Liedtexten in einem kulturellen Umfeld, das den klassischen Sang zwar schätzt, aber wohl nicht ganz ernst nimmt. Daß sich in Veldekes Liedern – meist in den Schlußzeilen von Strophen – häufig ironische und humoristische Wendungen verbergen, ist ja bekannt. Wie systematisch aber Veldeke den klassischen Minnesang hier auf die Schippe nimmt, spürt man erst, wenn man die Scheuklappe der allzuernsten Brille abnimmt. Durch Willaerts Vortrag entdeckten wir nun in den Liedern an vielen Stellen deutliche Anspielungen, Witze, Ironie und Spitzen. Diese Erkenntnis spiegelte sich dann umgehend in der Interpretation der Werke durch die Teilnehmer wider.

Der zweite Teil von Willaerts Vortrag brachte Veldeke aus Lothringen in den reichsunmittelbaren Zusammenhang: Durch seine Nähe zum Hof des Kaisers verkehrte er in den höchsten politischen Kreisen seiner Zeit und lernte natürlich auch andere, klassischere Minnesänger und Trouvères kennen, mit denen er sicher auch in einer Art künstlerischen Wettstreit stand. So finden sich Anspielungen auf berühmte Minnesänger in seinen Liedern, darunter Kaiser Heinrich VI., Hartmann von Aue und Friedrich von Hausen.

Ferner zeigte Willaert auf, wie bei Veldeke die Minne als durchweg positiv empfunden wird und gar nicht so von Leid durchdrungen ist, wie das für den klassischen Minnesang nur allzu typisch ist. Seine Lieder strahlen eine stets positive Grundhaltung aus und verlachen die griesgrämigen Kostverächter. Den Natureingang schätzte er so sehr, daß manche Lieder gar nur aus Natureingang bestehen, und sonst nichts. Heinrich von Veldeke steht somit nicht am tastenden Beginn des deutschen Minnesangs, sondern mitten in einer Kultur, die die Konventionen des klassischen Sangs völlig verinnerlicht hat und darauf bereits wieder ironisch reagiert. Veldeke also nicht als zaghafter, noch unerfahrener Vorreiter und “Tester”, sondern schon als erster “Gegensänger”? Ein “harmloserer Neidhart” des 12. Jhs.?

Mit diesen Impressionen im Kopf versuchten wir den neu entdeckten Tonfall Veldekes am letzten, dem 3. Tag des Meisterkurses praktisch umzusetzen – was den Teilnehmern äußerst gut und zudem auf subtile Weise gelang. Als Abschluß des Kurses versammelten sich alle Teilnehmer, sowie die Ausrichter der Kursreihe (Hermann Baeten und Bart de Vos) im Aufführungsraum, um einer Auswahl der erstellten und einstudierten Vertonungen beizuwohnen. Es wurden insgesamt 21 Veldekelieder – darunter 2 Instrumentalstücke, die aus Floskelmaterialien der Veldekevertonungen komponiert wurden – aufgeführt, teils a capella, teils instrumental begleitet. Die Versionen und Interpretationen überzeugten durchweg und beeindruckten zum Teil sogar zutiefst… und es war sogar ein Ausschnitt aus Veldekes “Eneas”-Roman dabei, der spontan über Rezitationsmodelle improvisiert wurde.

Die Teilnehmer verließen am Sonntagabend eine gelungene Kursreihe, die zu aller Zufriedenheit abgelaufen war und neue Wege für die Aufführung und Interpretation von melodielos überlieferter Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts aufwies. Benjamin Bagby und Marc Lewon bedanken sich bei musica.be für die freundliche Einladung und bei den Teilnehmern für Ihre Hingabe und große Leistungsbereitschaft.

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2. Meisterkurs “Heinrich von Veldeke” mit Bagby und Lewon

Vom 27.-29. Januar 2012 fand der 2. Meisterkurs “Heinrich von Veldeke” mit Benjamin Bagby und Marc Lewon auf Alden Biesen bei Maastricht/Lüttich (Belgien) statt. Der von http://www.musica.be veranstaltete Kurs widmet sich dem Minnesänger und Ependichter Heinrich von Veldeke (oder auf flämisch Hendric van Veldeke), wobei insbesondere sein lyrisches Werk, also der Minnesang Veldekes, im Vordergrund steht.

Nachdem wir im 1. Meisterkurs (Dezember 2011) die Grundsteine gelegt hatten (Werkeinführung, Kennenlernen einzelner Gedichte, Experimente mit Kontrafakturen, Versuche über stilgerechte Improvisation nach Modellen, Aussprache, Arbeit an den Texten), wurde in diesem 2. Meisterkurs vor allem an den Eigenkreationen der Teilnehmer weitergearbeitet. Diese basierten auf einer Trias von Modellen, die wir zuvor eingeführt hatten: Da das Oeuvre Heinrichs einer Melodieüberlieferung leider entbehrt, wagten wir uns an stilgerechte Vertonungen von drei Seiten heran. 1. Der z.T. überstrapazierte Ansatz, über französische Kontrafakturen, Melodien zu erlangen (ein Ansatz, der, wenn sorgfältig verfolgt, gute Ergebnisse erzielen kann, zumeist aber über eine falsch verstandene Quellentreue ein verzerrtes Bild einstimmiger Musik im deutschsprachigen Raum zeichnet), 2. der Ansatz, über die Frühüberlieferung von Minnesang (namentlich das Frankfurter Neidhart-Fragment von um 1300) ein melodisches Vokabular zu erarbeiten, über das typisch (nord-)deutsche Melodien des 13. Jhs. neu erfunden werden können, und 3. der Ansatz, über Floskelmaterial aus einer Anthologie von Liedern der Jenaer Liederhandschrift Bausteine zu erhalten, über die neue, passende Vortragsformen von Veldeke-Texte gewonnen werden können, die eben aus dem germanisch-sprachigem Raum stammen und somit Veldekes Oeuvre möglicherweise näher stehen, als direkte Übernahmen aus dem französischen Sprachgebiet (siehe dazu auch die Artikel: Marc Lewon: “Der gesungene Gedichtsvortrag: Eine musikalische Hypothese über die Lieder Walthers von Klingen”, in: Walther von Klingen und das Kloster Klingental zu Wehr, hrsg. von der Stadt Wehr, Ostfildern/Deutschland (Thorbecke Verlag) 2010, S. 131-145, sowie: Marc Lewon: “Wie klang Minnesang? Eine Skizze zum Klangbild an den Höfen der staufischen Epoche”, in: Dichtung und Musik der Stauferzeit. Wissenschaftliches Symposium der Stadt Worms vom 12. bis 14. November 2010, hrsg. von Volker Gallé, (= Schriftenreihe der Nibelungenlied-Gesellschaft Worms, Bd. 7), Worms 2011, S. 69-123).
Die Kontrafakturarbeit wurde diesmal etwas zurückgestellt, wird aber für den 3. und letzten Meisterkurs im Februar wieder stärker in den Vordergrund rücken. Dafür wurden der 2. und 3. Ansatz intensivst behandelt, der ja von den Teilnehmern viel Kreativität im Bereich von Auswendiglernen, Improvisieren, Entwicklung eines Stilempfindens und neu Erfinden erforderte. Die Teilnehmer lösten diese Aufgaben mit Bravour und “komponierten” auf diese Weise unzählige stilgerechte Vertonungen von Veldeke-Liedern, basierend auf den genannten Modellen, die – obwohl stilistisch streng gehalten – eine unglaubliche Bandbreite aufwiesen. In Einzel- und Ensemblestunden wurden diese eigenen Werke verbessert, adaptiert und einstudiert, so daß ein beträchtlicher Teil von Veldekes lyrischem Werk jetzt im kollektiven Gedächtnis der Teilnehmer vertont vorliegt. Eine große Leistung für den Kurs und für das Verständnis von Minnesang im Bereich der historischen Aufführungspraxis.
Im Verlauf des Kurswochenendes auf dem wunderbaren Schloß zu Alden Biesen wurde noch ein 4. Ansatz von Seiten eines Teilnehmers (Danil Ryabchikov) vorgeschlagen. Die Idee: Die Melodien von Trouvères zu analysieren, die auf der französischen Seite der Sprachgrenze zwischen Frankreich und Flandern und damit sehr nahe dem Herkunftsgebiet von Heinrich von Veldeke lebten, um dort nach “germanischen” Auffälligkeiten in der Melodiebildung zu suchen. Diese Melodien könnten demnach auch Hinweise auf eine typische Melodiebildung in Veldekes Heimat enthalten. Diesem Ansatz ging Danil nach und er extrahierte ein Formelmaterial, das er für auffällig “unfranzösisch” hielt, um daraus neue Melodien für Veldeke-Lieder zu schaffen. Es entstand im Verlaufe des Wochenendes eine sehr überzeugende Vertonung eines Minnelieds auf diese Weise.

Neben solistischer und Ensemblearbeit in kleinen Besetzungen gab es auch eine Einheit zu instrumentaler Idiomatik und Begleitung. Es wurde an typischen Floskeln für bestimmte tonartliche Modi gearbeitet (naja, dorisch:), um Phrasenmaterial einzustudieren, das für überzeugende Begleitungen unumgänglich ist. Auch das “Singen durch das Instrument” stand dabei im Vordergrund.

Wir freuen uns auf den 3. und letzten Meisterkurs Ende Februar, bei dem es neben einem Abschluß zu den Liedern Veldekes auch einen Abstecher in sein episches Werk (v.a. die “Eneide”) gehen soll.

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1. Meisterkurs “Heinrich von Veldeke” mit Bagby und Lewon absolviert

Ein neuer Meisterkurs zur Musik des Mittelalters hat soeben in Alden Biesen bei Maastricht/Lüttich (Belgien) begonnen. Veranstaltet von http://www.musica.be (Herman Baeten und Bart de Vos) sind 3 Einheiten von jeweils 3 Tagen Länge einem einzigen Thema gewidmet: dem Minnesänger und Ependichter “Heinrich von Veldeke” (oder auf flämisch “Hendric van Veldeke”).

Die drei Kurse werden geleitet von Benjamin Bagby und Marc Lewon und widmen sich v.a. dem lyrischen Werk Veldekes, also den Minneliedern. Da wie bei den allermeisten Minnesängern natürlich auch bei Veledeke keine Melodien überliefert ist, ist ein praktisch-musikalischer Meisterkurs hier mit einigen Problemen behaftet. Die Herangehensweisen der beiden Kursleiter erlaubt aber dennoch eine praktische Annäherung an Veldekes Werk über das Prinzip der Kontrafaktur, in erster Linie aber über stilgerechte Improvisation auf Grundlage der Prinzipien einer mündlichen Kultur. Die Idee der Kontrafaktur wird ja bei der Erschließung von Melodien für den Minnesang immer wieder aufgewärmt – und gerade bei Heinrich von Veldeke, der in einer germanisch-französischen Grenzregion lebte, erscheint dieses Konzept auch sehr plausibel. Allerdings funktionieren Kontrafakturen, wie sie in der Vergangenheit z.B. von Jammers und Aarburg ediert wurden, in dieser Form musikalisch und stilistisch nicht (siehe dazu auch Artikel M. Lewon: “Der gesungene Gedichtsvortrag”). Im Kurs sollen die Teilnehmer für die Stilistik von Einstimmigkeit im 12. und 13. Jahrhundert sensibilisiert werden und selbst lernen, Typisches und Angemessenes von Untypischem und stilistisch Unangemessenem zu trennen, um selbst Lösungen für die Aufführung zu finden.

Zur ersten Einheit trafen sich am Freitag, dem 16.12.2011, die 10 aus aufwendigen Bewerbungen handverlesenen Teilnehmer aus verschiedenster Herren Länder (B, NL, D, CH, F, USA, RUS) auf Schloß Alden Biesen. Der Kurs begann nach dem Mittagessen. Zunächst stellten sich alle Teilnehmer über ein einstimmiges, mittelatlerliches Lied aus ihrem jeweiligen Repertoire vor, um ihren Hintergrund und ihre Herangehensweise zu demonstrieren und den Kursleitern einen Einblick in deren Fähigkeiten zu gewähren. Damit wurde auch sofort “das Eis gebrochen”, denn es sollte stets und ständig und ohne Hemmungen direkt musiziert werden.
Danach stellten die beiden Leiter das Programm für die kommenden Tage vor: Es sollte zunächst dem Prinzip der Kontrafaktur nachgespürt werden, und danach ein zweiter, improvisativer Ansatz vorgestellt werden. Es sollte eine Einheit für die Instrumentalisten geben, in erster Linie aber sollte die Arbeit über die Texte Veldekes stattfinden, die die “Lösungen” für die Musik in sich tragen.

Der nächste Arbeitsschritt bestand in der Präsentation von 6 “ersten” Strophen überlieferter einstimmiger Lieder, die wir im Vorfeld an die Teilnehmer verschickt hatten. Die Teilnehmer sollten diese Strophen (jedeR nur eine davon) auswendig lernen und präsentieren. Danach wurden “Kontrafakturannahmen” zu diesen Strophen verteilt, d.h. Texte, die angeblich als Kontrafaktur, also Neutextierung, über die auswendig gelernten Melodien geschrieben wurden. Dabei handelte es sich um übliche und angenommene Kontrafakturen, z.B. von Albrecht von Johansdorf, Friedrich von Hausen, Walther von der Vogelweide, aber auch schon um 2 angenommene Kontrafakturen von Heinrich von Veldeke. Diese Kontrafakturen sollten die Teilnehmer sodann “vom Blatt” auf ihre auswendig gelernten Melodien singen. Neben den üblichen kleinen Problemen bei der Textverteilung stellten sich sofort die sprachlichen Unterschiede zwischen französischen Vorlagen und deutschen Neutextierungen heraus, die sich auch auf die Aufführung, Rhythmik und Melodik erstreckten. Es brauchte also keiner großen Erklärungen, wo die Probleme von Kontrafakturen stecken, sondern jeder konnte direkt erfahren, daß es 1:1 nicht funktionieren kann. An diesen Stücken sollten dann über den nächsten Tag hinweg so und größtenteils eben auswendig gearbeitet werden, bis die Kontrafakturen “funktionieren”. Wir teilten die 10 Musiker in 6 Gruppen auf (solistisch, bzw. Sänger+1 Instrument), die parallel in separaten Räumen an ihren Stücken und Kontrafakturen weiterarbeiteten und wanderten als Leiter von Raum zu Raum, um in die intensive Kursarbeit einzutreten. Diese Arbeit ging bis tief in den Abend. Als Abschluß des Tages ließen wir die Zwischenergebnisse dieser Intensivphase im Plenum einmal aufführen. Es zeigte sich, daß die “Kontrafakturen” zunehmend plausibel klangen.

Der zweite Tag begann mit einer instrumentalen Einheit, wobei wir zunächst eine Ikonographieeinheit vorschalteten, um zu zeigen, welches Instrumentairum für Minnesang eigentlich in Frage kommt. Die Einheit hielt schließlich fest: gezupfte Saiteninstrumente mit Hals (also Lauten, Quinternen, Cetras, Cetulas, Citolen, etc.) sind im deutschsprachigen Raum des 12. und 13. Jhs. praktisch nicht anzutreffen. Typisch sind natürlich die Fidel/Vielle als Begleitinstrument Nr.1 (nicht nur des frz. Raums, sondern auch des deutschsprachigen), die Traversflöte, die Drehleier, sowie eine Reihe von Zupfinstrumenten, bei denen jede Saite einem Ton zugeordnet ist (Harfe, Psalterium, Harfenpsalterium, Leier, etc.). Diese Feststellung bestimmt ganz wesentlich den Klang begleiteten Minnesangs. Bagby stellte daraufhin Begleittechniken mit der (romanischen) Harfe vor, die sich deutlich unterscheiden von dem, was man von einer Harfe des 15. Jhs. erwarten würde. Man sah deutlich die Verbindung zur Harfe des frühen Mittelalters (oft auch als “Leier” bezeichnet), die noch weniger Saiten enthält und ganz eigene Spieltechniken begünstigt. Wir diskutierten ein wenig über weitere Instrumente und Spieltechniken, namentlich auch die Citole, ein Instrument, das erst im 13. Jh. und v.a. in Spanien, Frankreich und England aufkommt, im deutschsprachigen Raum aber praktisch nicht – mit Ausnahme von frz.-dt. Grenzregionen, zu denen ja Flandern auch zählt. Ein Teilnehmer (Danil Ryabchikov) präsentierte seine Citole, die sich als klanglich der Harfe sehr ähnlich herausstellte und sich für die Begleitung von Einstimmigkeit ideal eignet.

Nach der instrumentalen Einheit fuhren wir mit der solistischen und Ensemblearbeit an den 6 genannten Stücken fort. Für den Nachmittag war von musica.be ein Vortrag des altgermanistischen Philologen Prof. Goossens angesetzt, der als Spezialist für das Oeuvre Heinrichs von Veldeke einen Vortrag über dessen Gesamtwerk, die Überlieferung und das “Veldeke-Problem” hielt (die Tatsache, daß Veldeke offenbar/wahrscheinlich auf altlimburgisch dichtete, die Werke aber fast alle auf mittelhochdeutsch erhalten/überliefert sind).

Die Abendeinheit des zweiten Tags war der Aussprache und Metrik des Mittelhochdeutschen gewidmet. Hier sollte es v.a. um die klangliche und formalen Eigenschaften der Sprache und Dichtung gehen – natürlich alles am Beispiel der bis dahin verteilten Kontrafakturstrophen aus dem frühen Minnesang. Obendrein wurden 6 neue Texte, allesamt von Heinrich von Veldeke, mit Übersetzungen verteilt, die die Grundlage für die Arbeit am nächsten Tag bilden sollten. Auch hier wurde Betonungsstruktur, Aussprache etc. im Plenum durchexerziert. Dabei wurde auch schon Wert auf die ästhetische und rhetorische Qualität gelegt, um die “verborgene Eleganz” der Texte (Zitat Ulrich Müller) Heinrichs von Veldeke schon im Ansatz herauszuarbeiten.

Der dritte Tag begann mit einem neuen Ansatz für die Teilnehmer: Es sollten neue Melodien improvisiert werden. Damit das ganze nicht in stilistisch “leerem Raum” stattfand, wurden zwei verschiedene Ansätze vorgestellt. Bei beiden sollten deutsche Melodienüberlieferungen als Vorbilder dienen, um eine typisch deutschsprachige Melodienbildung des 13. Jahrhunderts zu präsentieren – quasi eine Annäherung an Veldeke “von der anderen Seite” (nicht vom frz., sondern vom dt. Sprachraum aus). Dabei achteten wir darauf, daß die Vorbildkompositionen zeitlich möglichst nah am zu behandelnden Oeuvre lagen. Bagby hatte dafür Floskeln aus einem bestimmten Repertoire der Jenaer Liederhandschrift (ca. 1330) so herausdestilliert, daß sie als “Keimzellen” für das Erstellen neuer Melodien dienen konnten. Dieses Floskelmaterial brachte er den Teilnehmer schriftlos bei, die daraufhin Stück für Stück versuchten, durch freie Kombination neue “Vertonungen” von Veldeketexten zu schaffen. Von “Melodien” sollte in diesem Stadium noch nicht gesprochen werden, es waren erste Schritte in eine “Klangbarmachung”, eine stilgerechte “Verklanglichung”. Parallel dazu stellte Lewon einen anderen, ähnlichen Ansatz vor, indem dieses Mal Melodien aus der frühesten Neidhartüberlieferung (dem Frankfurter Neidhart-Fragment um 1300) als “Steinbruch” benutzt wurden. In diesem Ansatz wurde mehr nach Funktion musikalischer Phrasen unterschieden: typische Initiumsfiguren, mit dem man ein Stück oder einen Formteil, oder eine Verszeile beginnen kann, typische “Mittelteile” und typische Kadenzen. Ferner typische Floskeln zur Erweiterung des Tonraums oder zur Herstellung einen kontrastierenden Gegenklangs. Diese wurden den Teilnehmern ebenfalls durch Vor- und Nachsingen beigebracht. Danach sollten sie versuchen, diese Prinzipien auf Veldeke-Texte anzuwenden und siehe da: es ergaben sich schon 1-2 fast fertige und sehr plausible, neue Melodien.

Zwar war Veldekes Schaffenszeit das 12. Jh., da die überliefernden Textquellen aber alle aus dem späten 13. und frühen 14. Jh. stammen waren wir mit diesem improvisierenden Ansatz zeitlich in genau dem gleichen Raum – einer Veldeke-Rezeption um 1300.

Abschließend stellten alle Teilnehmer ihre improvisierten Versionen vor, soweit sie bis dann gediehen waren.

Natürlich gab es über die Tage und an den Abenden noch weitere Diskussionsrunden, die gelegentliche “Lautenstunde” und Fragen zu Interpretation und Technik. Das nächste Treffen dieses Meisterkurses findet Ende Januar statt

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